Mittwoch, 30. September 2015

Der Wirt der Teufelsbrücke wollte gern, dass wir gemeinsam aufs Bild kommen.

Hundstag – Erlebnisse mit Vierbeinern (Bad Nenndorf nach Bad Münder) 


Am nächsten Morgen müssen wir uns eingestehen, dass die Kuranlagen und der klassizistisch angehauchte Kurpark im Sonnenschein sehr elegant aussehen. Wir stürmen nicht gleich Richtung Deistergebirge, sondern bummeln noch zwischen den frisch renovierten historischen Kurgebäuden. Auf einer Infotafel entdecke ich wunderschöne Naturfotos von knorrig verwachsenen Bäumen an. Ich zeige sie Hannes: „Solche Fotos sollten wir mal machen können. Wo es wohl so krumme Dinger gibt?“ Herrje, unten auf dem Plakat steht es ja: Süntelbuchenallee im Kurpark von Bad Nenndorf. Wir müssen nur den Kopf heben und ein paar Schritte weitergehen, schon stehen wir am Anfang der etwa einen halben Kilometer langen Allee. Die Bäume wachsen eher in die Breite, als in die Höhe. Wie dicke Schlangen winden sich die Äste knapp über dem Boden entlang und scheinen sich dann ineinander zu verknoten. Nur wenige Bäume werden mehr als 10 Meter hoch. Eigentlich handelt es sich um eine Art Rotbuchen, die vor gut 100 Jahren hier angepflanzt wurden und seither im Zickzack wachsen. Angeblich, wegen einem Gendefekt. Genau weiß man das aber nicht.

Unsere treuesten Begleiter in der Frühe sind die Gassigeher. Drei Nenndorferinnen in den besten Jahren in modischen Jeans und Gummistiefeln haben mit ihren sehr lebhaften Lieblingen dasselbe Ziel wie wir: Raus aus dem Park und hinaus ins freie Feld. Die Hunde sind von der Leine und springen zu dritt auf uns zu: „Das macht Ihnen doch nichts aus, oder?“ Doch, tut es. Hannes reagiert säuerlich: „Können Sie die Hunde nicht anleinen?!“ Die Damen sind friedlich, rufen die Hunde zu sich und fragen nach unserem Weg. „Ach, in den Deister. Wunderschöner Weg. Sind wir schon oft gelaufen. Da müssen Sie nur über die Bundesstraße und dann später unter der Autobahn durch.“ Wie so oft erklären wir, dass wir nicht auf dem Jakobsweg unterwegs sind und: „Nein, die Rucksäcke sind nicht so schwer. Wir nehmen nur das Allernötigste mit.“ Wir bekommen noch ungefragt einige Wegbeschreibungen und den Tipp, unbedingt in der Waldgaststätte Teufelsbrücke vorbeizuschauen. „Machen wir, in Gasthäusern schauen wir immer gern vorbei.“

Der Weg zur Teufelsbrücke war nicht ganz so leicht zu finden. Die Gegend um Bad Nenndorf ist zwar für Wanderer gut erschlossenen und großzügig ausgeschildert. Aber manchmal wäre weniger eher mehr. So wissen wir vor lauter Wegweisern nicht so recht, welchen Weg wir einschlagen sollen und tappen ein paarmal hin und her. Dabei hätten wir im Grunde mehr oder weniger immer geradeaus den Berg hinauflaufen müssen.
An der Teufelsbrücke werden wir beinahe schon erwartet. Die Wirtin und ihr Partner sitzen vor der Hütte und trinken gerade selbst Kaffee. Sie hat bereits einen langen Spaziergang mit Hund hinter sich und zeigt ihrem Mann begeistert die Fotos auf dem Smartphone, die sie in aller Herrgottsfrühe gemacht hat. Ihre Begeisterung für die heimische Landschaft und ihre Tiere ist anrührend. Auch wir bekommen einen Kaffee und kommen ins Gespräch. Seit mehr als 20 Jahren lebt die Wirtin schon allein hier im Wald und managt das kleine Gasthaus. Am Wochenende ist viel los, dann wandern Ausflügler aus der Gegend hier an die Teufelsbrücke und genießen die Ruhe an diesem abgeschiedenen Plätzchen. Früher sei viel mehr los gewesen. „Jeden Tag habe ich einen Kuchen gebacken und ihn an Kurgäste aus Bad Nenndorf verkauft. Heute kommt kaum noch jemand unter der Woche die sechs Kilometer hier hoch. Die Leute schaffen das nicht mehr. Die meisten sind zu alt oder zu krank, um so weit zu laufen.“ Deutlich bekommt sie zu spüren, dass Kuren nur noch für kurze Zeit und an wirklich schwer gehandicapte Patienten verschrieben werden. „Wenn die Leute wieder fit genug sind, um so weit wandern zu können, ist ihr Kuraufenthalt zu Ende.“

Aus dem Hintergrund hören wir eine Art Gurren und Piepsen: „Halten Sie hier auch Hühner?“, fragen wir. Die Wirtin lacht. „Das ist unser Hund. Der gibt so komische Töne von sich. Ist aber sonst ganz normal.“ Wir schauen nach oben. Tatsächlich, zwischen den Balkonlatten lugt eine Hundeschnauze hervor. Ob der auch Eier legt, fragen wir. „Leider nein“, lacht unsere Wirtin wieder, „das wäre schon praktisch, hier draußen“.

Vormittags ist es an der Teufelsbrücke noch recht schattig. Trotz heißem Kaffee wird uns kühl und wir verabschieden uns. Auf dem Kammweg, einem viele hundert Jahre alten Verbindungsweg, geht es über den Deisterrücken. Am Annaturm machen wir Mittag

Heliotrop zus Landvermessung nach Gauß


Als begeisterte Leser von Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt sind wir natürlich sehr interessiert, als wir in der schlichten Turmgaststätte lesen, dass der erste Turm an dieser Stelle auf Veranlassung des Mathematikers Karl Gauß errichtet wurde. Eine Tafel an der Wand erklärt, dass Gauß in den Jahren 1833/34 hier eine einfache Holz-Stahl-Kontruktion als Messpunkt errichten ließ, vom dem er auch selbst Landvermessungen durchführte. Genau auf dem Bröhn nämlich befindet sich mit 403, 8 Meter der höchste Punkt auf dem Deisterkamm und in der Region Hannover. Das von ihm eigens für die Landvermessung entwickelte Gerät, der sogenannte Heliotrop, kann im Turmstübchen bewundert werden. Schade, dass wir keinen Zehn-Mark-Schein mehr haben. Auf der letzten in Umlauf gekommenen Version waren sie noch beide zu sehen: Karl Gauß und sein Heliotrop.

Beschwingt machen wir den Rest des Weges nach Bad Münder. Der Himmel ist wolkenlos, die Sonne scheint, bis sie schließlich im Westen hinter den Bergrücken des Süntel, der Heimat der Süntelbuchen, verschwindet. Altweibersommer, in seiner schönsten Form. Kaum in Bad Münder angekommen, wird unsere Paarbeziehung auf eine harte Probe gestellt. Mir stinkt unsere Unterkunft, und zwar in des Wortes ureigenster Bedeutung. Hannes war schon den ganzen Vormittag über unruhig gewesen, weil wir noch kein Zimmer für die Nacht gebucht hatten. Er wollte eine Adresse von einer privaten Zimmervermietung, die wir uns zu Hause notiert hatten, anrufen und buchen. Ich wollte lieber abwarten, was wir vor Ort vorfinden würden. Ich übernachte nicht gern in Privatunterkünften. Bestimmt würden wir noch etwas Anderes finden. Hannes ließ nicht locker und seine Miene verdunkelte sich stündlich mehr. Am Ende gab ich nach und Hannes buchte bei Frau A.

Zimmer mit Puzzleschmuck

Erst konnten wir das Häuschen gar nicht finden, es war in einen Hinterhof zwischen anderen Gebäuden und Garagen hineingeklemmt worden. Das erste, was wir dann auf unser Klingeln hörten, war lautes Gebell. Zwei große Doggen (?) – hier gehen unsere Erinnerungen auseinander – versuchten sich an Frau A. vorbei zur Haustür hinaus zu drängen. Das Zimmer war so einigermaßen OK, festgeklebte Puzzlebilder mit Meeresstimmungen vom Mittelmeer und der Südsee an den Wänden, knitterfreie Bettwäsche, das Etagenbad auch mehr oder weniger passabel. Was ich aber nicht ab konnte, war der penetrante Geruch nach Hundehaaren und Zigarettenrauch, der alles überlagerte. Hannes meinte, ich ein neurotisches Geruchsproblem. Er würde im Zimmer nichts riechen. Nur im Flur, aber nur Zigarettenrauch. Aber er riecht sowieso nicht gut. Ich war ziemlich gereizt. Wenn ich auf dem Bett lag und die Augen zumachte, sah ich die Hunde quasi vor mir, so schlimm war der Geruch. Bloß gut, dass auf dem Teppichboden (auch das noch), nicht auch noch Hundehaare lagen. Und alles nur, wegen diesem extremen Sicherheitsbedürfnis. Natürlich hätte es in Bad Münder noch jede Menge Gasthäuser und Hotels gegeben. Und garantiert auch freie Zimmer.

Wir machten, dass wir unter die Dusche im Etagenbad kamen und dann nichts wie raus aus dem Haus. Wir hatten die Haustür noch in der Hand, als mit wütendem Gebell die beiden Riesenköter hinter dem Haus vorgeprescht kamen und direkt vor uns vor einem knapp 50 Zentimeter hohen Gartenzäunchen stehenblieben. Sie bleckten die Zähne und knurrten uns an. Hannes und ich drückten uns rückwärts gegen die Hauswand. Wohin sollten wir fliehen? Wir hätten keine Chance, den Zaun würden die beiden mit Leichtigkeit überspringen. Gottlob kam sogleich Frau A. um die Ecke: „Die tun nichts. Die wollen nur spielen.“ (Kein Witz.) Wir erfuhren, dass die beiden zwar wie Doggen aussehen würden, aber in Wahrheit zwei richtige Kuschelbärchen seien. Wir könnten unbesorgt weitergehen. Alles sei gut. Ganz langsam, die beiden Kuschelbärchen fest im Auge, gingen wir über den Hof und dann ums nächste Haus herum auf die Straße. Hier schnappte ich Hannes fest an der Hand und wir legten einen Zahn zu. Bloß schnell Land gewinnen…
Im Kornhus, einem gemütlich eingerichteten Gasthaus in einem alten Kornspeicher aus der Zeit der sogenannten „Weserrenaissance“ kamen wir zur Ruhe. Die Inhaberin Frau Mildenberger erklärte uns die diversen Bierspezialitäten und brachte uns geduldig verschiedene Sorten zum Probieren an den Tisch. Als sie uns über die Wegstrecke des kommenden Tages diskutieren sah, rückte sie mit ihrem Geheimnis raus: Auch sie und ihr Mann sind begeisterte Wanderer. Einige spektakuläre Touren haben die beiden schon gemeinsam gemacht. Leider können Hannes und ich uns hier rückblickend nicht mehr einigen. Ich war überzeugt, unsere neue Freundin hätte uns von einer mehrwöchigen Treckingtour im Himalaya berichtet. Hannes behauptet, die beiden hätten den Kilimandscharo bestiegen. Wie auch immer, wir beide hörten mit offenem Mund zu. So etwas Großartiges würden wir auch gern mal machen. Das stärkt die Paarbeziehung natürlich ganz anders als ein Marsch auf dem E1. Wie sie sich denn hier im doch eher bescheidenen Mittelgebirge auf so eine Tour vorbereitet haben? Sie grinste. „Eigentlich ganz unprofessionell, immer sonntags von hier aus im Stechschritt zum Süntelturm hinauf.“ Zugegeben, das ist ziemlich unkonventionell und von Höhentraining kann auch keine Rede sein. Aber anscheinend hat es seine Wirkung getan.
Mit dem Heimweg hat es glücklicherweise gut geklappt. Die beiden Kuschelbärchen waren offensichtlich im Bett, alles war ruhig und wir kamen unbeschädigt ins Haus. Im Bett wollte Hannes gern noch einen Blick in die ausliegenden Zeitschriften werfen. Aber das Licht im Zimmer war so funzelig, dass er dazu seine Stirnlampe aufsetzen musste.

Dienstag, 29. September 2015



Steinhuder Meer im Nebel


Vom Wandern in der Ebene: Vom Steinhuder Meer nach Bad Nenndorf 


Der Alte Winkel ist ein gemütliches Fischrestaurant in einem alten Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert mit fairen Preisen und einem unglaublich leckeren Frühstück. Zu unserem Zimmer mit Seeblick (in weiter Ferne) geht’s eine steile Stiege hoch. Während wir noch den Rucksack auspacken fängt Hannes plötzlich an zu frieren und wir drehen schon mal die Heizung hoch. Jetzt erst mal heiß duschen. Dann essen wir sehr lecker Fisch zu Abend. Hannes kann es aber nicht recht genießen, will nur noch ins Bett. Oh, je, hoffentlich wird er nicht krank. Wir klettern gleich nach dem Essen die steile Treppe wieder hoch, Hannes klappert mit den Zähnen und verschwindet unter seiner Decke. Zum Glück finde ich im Schrank noch eine zusätzliche Wolldecke, die packe ich ihm obendrauf. Gleich darauf ist von meinem Liebsten nichts mehr zu hören, außer, na ja, ein leises Schnurren.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, sitzt Hannes schon im Bett und liest wie üblich die Zeitung auf seinem Handy. Wie, bist du nicht mehr krank? Wer, er? Wie komme ich darauf. Ihm ist „vögeleswohl“. Jetzt hat er Hunger, Frühstückshunger. Unten ist unser Tischchen schon gedeckt. Die friesisch blonde Wirtin von gestern Abend ist nicht mehr da. Dafür eine sehr gesprächige Vertretung, eine begeisterte Reiterin, von der wir allerlei Interessantes erfahren. Zum Beispiel, dass im Alten Winkel jetzt ein modernes Zeiterfassungssystem installiert wird. Nicht um die Mitarbeiter besser kontrollieren, sondern um den Nachweis erbringen zu können, dass hier niemand trickst und der Mindestlohn korrekt ausbezahlt wird.

Unsere Wurst und Käseplatte schaffen wir beim besten Willen nicht. Kein Problem, wir bekommen eine Alufolie und dürfen die Reste einpacken. Damit kommen wir spielend über den Tag. Jetzt nur noch schnell ein Brot kaufen und dann kann’s losgehen. Beim Bäcker treffen wir die blonde Wirtin vom Abend. Wir bedanken uns nochmal für den freundlichen Service und das gute Essen. Sie freut das sichtlich und wünscht uns einen guten Weiterweg.


Meerbruchwiesen

Der E1 geht von Steinhude aus zunächst am See entlang und knickt dann nach Süden ab durch das idyllische Naturschutzgebiet Meerbruchwiesen Richtung Hagenburg und weiter nach Bad Nenndorf. Heute ist unser letzter Tag in der norddeutschen Tiefebene. Ab Bad Nenndorf wird es bergig. Der E1 taucht ein in die deutsche Mittelgebirgslandschaft: zuerst kommt der Deister, dann das Weser Bergland, der Teutoburger Wald und später das Eggegebirge. Wir freuen uns richtig darauf. Das Wandern in der Ebene macht uns nicht so recht Spaß. Uns fehlt der Wechsel von Anstrengung und Erholung. Geht es eine Steigung hinauf, ist man zuerst damit beschäftigt, einen Rhythmus zu finden. Dann geht es harmonisch, aber doch immer mit Anstrengung verbunden weiter. Höhenmeter um Höhenmeter. Und dann das Erfolgserlebnis, wenn man es mal wieder „geschafft“ hat, der Anstieg oder gar Berg bezwungen ist. Es ist immer ein kleines erhabenes Gefühl, wenn man von oben auf das inzwischen weit in der Ferne liegende Ausgangsziel schauen kann. So weit sind wir schon! Wir suchen dann mit den Augen unseren weiteren Weg: Über diesen Hügel müssen wir auf jeden Fall noch. Bestimmt liegt unser Hotel hinter diesem Bergrücken. Oder vielleicht eher hinter dem nächsten?
Am meisten vermissen wir im Flachland den Horizont.
Wir haben wunderschöne Moor- und Wiesenlandschaften durchquert. Sind an Flüssen entlang und durch Auwälder gewandert. Aber man weiß nie: Wie weit ist es noch ist bis zum nächsten Ziel. Man hat es nicht vor Augen, hat kein Gefühl für die Strecke. Es fehlen die Aussichtspunkte und die Ausblicke.

Kaliabraumhalde bei Bokeloh - auch Kalimandscharo genannt
Der erste „Berg“ den wir zu sehen bekommen, ist die riesige Abraumhalde vom Kalibergwerk Bokeloh, das letzte noch produzierende Kalibergwerk in Niedersachsen. Als wir aus einem Wäldchen herauskommen und plötzlich den mächtigen weißen Hügel vor uns sehen, wissen zuerst gar nicht, was wir da vor uns haben. Von weitem sieht er aus wie ein beschneiter Vulkan. Ein Blick auf unsere Karte klärt uns auf, hier ist die Abraumhalde eingetragen. Jetzt fällt uns auch der Geruch nach Kunstdünger auf. Es dauert lang, bis wir an diesem künstlichen Berg vorbei sind.
Beim nächsten von Menschenhand geschaffenen Monument machen wir Rast: Mittagspause am Mittellandkanal. Wir sitzen in der Sonne und schauen den Lastkähnen zu, die schwer beladen vorbeischippern. Es sieht putzig aus, wie jeder Kahn ein kleines Auto auf Deck geparkt hat. In den Fensterchen hängen Gardinen, auf der Leine flattert Wäsche. Richtige schwimmende Häuser mit Garten. Von wo nach wo geht eigentlich dieser Mittellandkanal? Ich habe das natürlich längst vergessen. Hannes weiß es fast. Wir googlen: Der Mittellandkanals ist die längste künstliche Wasserstraße Deutschlands und verbindet den Dortmund-Ems-Kanal mit WeserElbe und dem Elbe-Havel-Kanal. Letztlich ist er Teil einer Verbindung zwischen Rhein und Oder. Schon praktisch, wenn man sogar beim Wandern in der Natur ein Netz hat. Wir lesen noch ein wenig über dieses mittlerweile mehr als 100jährige Kanalwerk, essen dabei unsere mit den Frühstücksresten aus Steinhude üppig belegten Brötchen. Bis zu nächsten Brücke wandern wir etwa 2 Kilometer am Kanal entlang, dann wechseln wir auf die andere Seite und tauchen in einen dichten Wald in Richtung Bad Nenndorf ein.


Bad Nenndorf hat eindeutig seine große Zeit als Kurbad bereits überschritten. Der Altersdurchschnitt erscheint uns mindestens Ü 60. Viele der früher bestimmt schicken Pensionen und Hotels sind heute Seniorenresidenzen. Hier scheinen die Senioren von halb Niedersachsen ihren Lebensabend zu verbringen. Die meisten Kurzzeit-Patienten sind offensichtlich wegen orthopädische Erkrankungen hier. Geworben wir aber auch mit den natürlichen Heilmitteln Moor, Schwefel und Sole. Wir fühlen uns irgendwie fehl am Platz. Nein, hier gefällt es uns nicht.

Montag, 28. September 2015

Auf geschichtsträchtigem Boden: Von Hannover bis an den Fuß des Sauerlands vom 28. September bis 10. Oktober 2015

Mellendorf – Steinhude – Bad Nenndorf – Bad Münder – Hameln – Linderhof (Sternenberg) –
Lemgo – Paderborn – Detmold – Altenbeken – Willebadessen – Blankenrode –
Marsberg – Kassel



Oktoberfest im Eichkrug Mellendorf





Zimmer mit Meerblick: Von Mellendorf bei Hannover zum Steinhuder Meer

In diesem Jahr konnten wir unsere große E1 Etappe erst spät im Jahr starten. Wir hatten uns deshalb im Vorfeld viele Gedanken über das Wetter gemacht. Würde es Anfang Oktober bereits zu kalt sein? Könnte es passieren, dass wir bei langen Tagesetappen am Schluss im Dunkel wandern müssten? Alles unnötige Befürchtungen. Wir hatten wieder großes Glück mit dem Wetter und haben es immer bei Tageslicht zum Etappenziel geschafft. Ein paar Mal war es zugegebener Maßen bereits etwas dämmerig. In der ersten Wanderwoche waren wir über Mittag sogar im T-Shirt unterwegs. Unser Wandersommer im Oktober!

Wir landeten am 28. September gegen Abend am Flughafen Langenhagen-Hannover und hatten von dort fast sofort S-Bahnanschluss. Nach Mellendorf waren es nur 3 Stationen. Hier wollen wir wieder in den E1 einsteigen. Im vergangenen Jahr hatten wir in Celle aufgehört, das Stück von Celle bis nach Mellendorf würden wir uns schenken.

Wir übernachten Im Gasthof Zum Eichenkrug, dort sind gerade bayerische Wochen und die Gaststube ist voll. Ich will nichts Bayerisches hier im Norden essen und bestelle Sauerfleisch. Die Wirtin erklärt, dass es sich dabei um ein ganz typisches Gericht handelt und bei ihnen nach altem Rezept zubereitet wird. Wie fast immer zahlt es sich aus, etwas Einfaches aus der Region zu bestellen. Das Sauerfleisch stellt sich als eine saftige Schinkensülze mit Bratkartoffeln und selbstgemachter Remouladensoße heraus. Eine gute Wahl. Bei der Buchung übers Internet hatten wir keinen besonderen Eindruck vom Eichkrug gewonnen, vor Ort stellt sich das als Irrtum heraus. Wir genießen den Abend und Hannes gönnt sich zum Abschluss einen köstlichen Nachtisch: Ein duftiges Parfait mit einer Sauerkirsch-Anis-Soße. Wie nett, dass die Wirtin mir gleich eine zweite Gabel mitbringt.

E1 Bank als Gruß für die 1. Etappe

Der nächste Morgen ist noch frisch, wir legen zügig los, denn bis zum Steinhuder Meer sind es gut 37 Kilometer. Es geht über topfebenes Bauernland. Schmale Sträßchen, Wiesen und Felder rechts und links, hellbraunes Milchvieh. Viel Grün, kleine Dörfer. Der Himmel ist ganz blau und hoch, die Viehzäune werden von krummgewachsenen Pfosten gehalten. Es ist ganz flach, wir kommen schnell vorwärts, aber die Füße brennen von harten Auftreten. Als wir das Landgasthaus Meyer in Poggenhagen entdecken, sind wir sehr mehr als froh. Wir sind völlig ausgepowert, ich habe das Gefühl, meine Gesichtsmuskeln nicht mehr bewegen zu können. Brauche dringend einen heißen Kaffee. Hannes will keinen Kaffee, er nimmt lieber ein Bier. Das Gasthaus wird von jungen Besitzern geführt, eine Art Kulturkneipe auf dem flachen Land. Hier übernachten wäre nicht schlecht, wir fühlen uns so entspannt. Aber wir haben schon in Steinhude im Alten Winkel gebucht. Hannes nimmt noch ein Bier. Sind ja nur noch 10 Kilometer. Ein Katzensprung, na ja, ein großer.

Abendstimmung am Steinhuder Meer




Die letzten Kilometer werden zäh. Am Ende müssen wir auch noch die Wohngebiete von Steinhude durchqueren. Viele Ferienwohnungen, Pensionen, Zimmervermietungen. Wohnen hier auch normale Leute? Dann stehen wir am Ufer des Steinhuder Meers, Hannes will sofort ins Hotel, nichts mehr anschauen, nirgends mehr hinsitzen. Ich will wenigstens noch einen Blick auf den großen See werfen, versuche ihn zu überreden und gehe voraus. Hannes kommt mit, hockt sich schweigend auf eine Bank und ist stinksauer. Die Paarbeziehung ist gespannt. Stumm sitzen wir nebeneinander und knipsen ein paar Bilder vom farbenprächtigen herbstlichen Sonnenuntergang am blauen Wasser. Wie gut! Am nächsten Morgen waren alle Farben weg. Dichter Nebel liegt über dem See und versteckt alles hinter dickem Grau.

Donnerstag, 14. August 2014


Hier gab es die original Buchweizentorte aus Celle

Schweinemist und Fachwerkhäuser (Celle)


Der nächste Tag, unsere letzte Wanderetappe für dieses Jahr, führt uns durch den Naturpark Südheide bis zur Jugendherberge Celle. Auch diese Jugendherberge liegt am äußersten Rand der Kreisstadt, glücklicherweise aber an dem uns zugewandten. Auch so hat uns die 32 Kilometer-Distanz mehr als gereicht.
Nur wenige Kilometer hinter Müden passierten wir den Missionsort Hermannsburg. Dieser Ort mit seinem Saubermann-Image und seinen zur Schau gestellten Erinnerungen an seine auf Ludwig Harms zurückgehende Missionsgeschichte lassen bei mir Erinnerungen an meine pietistisch geprägte Jugendzeit hochkommen. Lange habe ich an die Menschen und meine Zeit in diesen freikirchlichen Gruppen nicht mehr gedacht. An all den moralin-sauren Zwang, die geistige Enge und Engstirnigkeit. Eltern, die ihren Töchtern verboten, Hosen zu tragen und sich das Haar abzuschneiden. Familien, für die ein Fernsehapparat einem Götzenaltar gleichgekommen wäre. Tanzen, Kartenspielen, Alkohol, Flirten – all das waren Versuchungen der „Welt“ und folglich tabu. Ich dachte, ich hätte diese Zeit mit ihrem unheilvollen Zwang vergessen. Aber es war nur weit nach hinten gedrängt. In Hermannsburg kam das schlechte Gefühl wieder hoch. In diesem kleinen Dorf in der Heide wurden Scharen von Missionaren „ausgebildet“, die zunächst Afrika und später andere Teile der „heidnischen“ Welt ungefragt mit den Segnungen europäischer Religion und Zivilisation beglückten.
Heute war man in Hermannsburg mit den Vorbereitungen eines Trachtenfests beschäftigt. Im Örtzepark eilten Helfer hin und her und bauten Zelte, Pavillons, Tische und Bänke auf. Wir hatten weder Zeit noch Lust, uns länger an diesem Ort aufzuhalten. In erster Linie galt das natürlich für mich. Hannes mit seiner katholischen Prägung hatte hier keine Probleme. Wir wanderten dennoch zügig weiter. Nach Celle war es noch weit genug.
In der Jugendherberge Celle wurden wir sehr freundlich empfangen und hielten noch in der Rezeption ein witziges Pläuschchen mit der Herbergsleitung. Es hätte uns gut gefallen, wenn – ja, wenn nicht dieser penetrante Geruch nach Schweinemist um das Haus gewesen wäre. Die Jugendherberge liegt im Celler Vorort Klein-Hehlen, direkt gegen über einem Betrieb mit Schweinehaltung. Sonst sind wir ja immer sehr für Natur und artgerechte Tierhaltung. Aber wenn man dann direkt gegenüber wohnt, vergisst man schon mal seine Überzeugungen. Wir mochten in unserem Zimmer gar nicht das Fenster öffnen.
Von Celle hat man einen superschnellen S-Bahnanschluss zum Flughafen Hannover. Das ließ uns bis zu unserem Abflug um 17 Uhr genug Zeit für einen ausgedehnten Stadtbummel. Auch wenn es abgedroschen klingt, wir waren wirklich begeistert. Celle hat ein wunderschönes Schloss mit großzügig angelegtem Schlosspark, eine Märchenfilm-reife Fachwerk-Altstadt und mindestens ein attraktiv ausgestattetes Museum, das Bomann-Museum für Kulturgeschichte. Hier konnten wir das niederdeutsche Bauernhaus noch einmal in Ruhe studieren. Bereits bei der Gründung des Museums wurde ein ganzes Hallenhaus ins Gebäude eingebaut. Im Gegensatz zum Wilseder Ole Hus, das auf schnellen Durchlauf von Touristengruppen eingestellt ist, erfährt man hier viele Details vom Leben in der Heide im Lauf der Jahrhunderte. Was gab es zu essen, welche Handwerksberufe gab es, wie war es um die Gesundheit der Bauern bestellt.


Nach dem Museum haben wir in der Altstadt so viele Fachwerkgiebel fotografiert, dass es Hannes schwindlig wurde. Wir saßen eine ganze Weile an einem Anlagenteich und schauten den Enten zu. Half nichts. Dann gingen wir in ein Straßencafé und versuchten es mit Kaffee und Kuchen. Half auch nichts. Ich hatte allerdings auf diese Gelegenheit gewartet, weil ich unbedingt noch die berühmte Celler Buchweizentorte mit Preiselbeersahne probieren wollte. Sie hat mir gut geschmeckt, allerdings hatte ich mir den Buchweizenboden etwas intensiver schmeckend, die Preiselbeersahne etwas fruchtiger vorgestellt. Vielleicht hatten wir nicht das beste Café erwischt. Ich werde diese Celler Spezialität wenn möglich noch einmal versuchen.
Hannes ging es immer noch nicht besser, und so gingen wir sehr langsam in Richtung Bahnhof. Ich machte mir allmählich wirklich Gedanken. Der Weg zurück kam mir dreimal so lang wie am Morgen vor. In der Bahnhofstraße entdeckte Hannes eine Dönerbude, sein Gesicht hellte sich auf: „Ich glaube, ich habe Fleischhunger.“ Er ging rein und kam mit einem Riesendöner mit Fleisch und viel rotem Krautsalat wieder raus. Bis wir zum Bahnhofsgebäude geschlendert waren, war der Patient kuriert.
Im Bahnhof holten wir unsere Rucksäcke aus der Bahnhofsmission ab und suchten uns eine Sitzgelegenheit im Warteraum. Neben einer jungen Dame war noch Platz frei. Wir nahmen unser Gepäck und setzten uns neben sie auf die Bank. Entrüstet schaute sie uns an: „Geht’s noch?“ Blaffte sie, stand auf und stolzierte mit hocherhobenem Kopf davon. Ja, bei uns ging es noch.



Mittwoch, 13. August 2014

Wein schafft Freunde: Beim Müdener Weinfest war es sehr lustig

Wein aus Müden (Müden)

Der nächste Tag bringt wieder eine lange Etappe bis nach Müden an der Oertze. Wir marschieren eher unmotiviert durch ehemaliges Militärgelände und langweilige Fichtenwälder. Hannes sehe ich heute die meiste Zeit von hinten. Ich kann mir schon kaum noch vorstellen, wie er ohne seinen roten Rucksack aussieht. In Müden angekommen ist die Überraschung groß: Gerade an diesem Tag wird hier der 797 Müdener Markt gefeiert. Ein Riesenrummel, das ganze Dorf ist auf den Beinen. Ursprung dieses Dorffests ist die Gründung der örtlichen Laurentius-Kirche mit Kirchweih im Jahr 1217, jedes Jahr am Mittwoch und Donnerstag nach dem 10. August wird seither gefeiert. Wir wollen natürlich auch hin. Müssen uns aber zuerst noch mit unseren Rucksäcken durch den ganzen Ort und das Marktgetümmel hindurchkämpfen, denn die Jugendherberge ist (mal wieder) ganz weit außerhalb und natürlich am anderen Ende des Ortes.

Der Markt bietet allerlei Besonderheiten. So gibt es hier nicht wie bei fast jedem andern Dorfrummel Bier in ordentlichen Halbliter-Krügen, nein, der Müdener bekommt sein Bier in putzigen Viertelliter-Krüglein ausgeschenkt. Entsprechend lang ist die Schlange vor den Schankstellen. Aber die meisten Männer wissen sich zu helfen und halten in jeder Hand eines dieser kleinen Gläser. Auch Hannes hat schnell dazu gelernt und kommt beim nächsten Bierholen mit zwei Gläsern zurück. Die Würste sind dafür gut doppelt so lang wie bei uns in Schwaben und ragen auf beiden Seiten weit über den Papptellerrand hinaus. Dazu bekommt man dann keinen Wecken, sondern eine bescheidene halbe Scheibe Toastbrot. Meistens hat man ja nach der Wurst noch einen trockenen halben Wecken übrig, hier wünschte man sich noch etwas Brot aus Gründen der Bekömmlichkeit.

In der Weinlaube wird Müdener Wein ausgeschenkt. Wir sind verblüfft. Wir wussten gar nicht, dass so weit im Norden Deutschlands noch Wein angebaut wird. Zum Glück schafft Wein schnell Freunde und wir kommen bei einer Flasche Spätburgunder mit Alt- und Neumüdenern ins Gespräch und werden aufgeklärt. Ja, der Wein stammt tatsächlich aus Müden. Aber, nein, nicht von hier, sondern vom Müdener Funkenberg an der Mosel. Jedes Jahr kommen Gäste aus diesem anderen Müden zum Laurentiusmarkt, schenken hier Wein aus und feiern kräftig mit. Der Wein war süffig, ein Glück, dass er nicht aus Müden an der Oertze stammte.

Dienstag, 12. August 2014

Mais, Mais, Mais

Wölfe und ein Brauhaus in einer Reithalle (Soltau)

Die nächsten Tage brachten für unsere Paarbeziehung weitere Challences. Niedersachsen bot sich uns in seiner gesamten Niedersachsenhaftigkeit: Mais, Mais, Mais. Außerdem durchquerten wir ehemalige militärische Sperrgebiete und weitläufige Fichtenschonungen. Eine Art Verschnitt zwischen einem Roadmovie aus dem Mittleren Westen mit Einsprengseln von „So weit die Füße tragen“. Unsere glühten. Froh waren wir, wenn wir eine der raren Rastbänke entdeckten. Hannes lobte unseren Schwäbischen Albverein. „Die sind nicht so geizig mit Bänken. Auf unseren Wanderwegen gibt es viel mehr und besser ausgestattete Rastplätze.“ Der erste Griff ging automatisch an die Schnürung unserer Stiefel. Nur runter mit den schweren Dingern, Luft an unsere armen Fußsohlen.

Wie wir so auf einer Bank sitzen und unsere Knöchel massieren, kommt mit zügigem Schritt ein junger Wanderer heran. Erst halten wir ihn für den Wanderprediger, mit dem wir beim Frühstück in Bispingen noch länger gesprochen, jetzt aber schon seit Stunden nicht mehr getroffen haben. Der junge Mann ist zwar am Morgen eine Zeit lang mit ihm gewandert, hat ihn aber auch schon lang nicht mehr gesehen. Dafür kann er neues Aufregendes berichten: Es gibt Wölfe hier im Wald. Mindestens ein oder zwei Rudel sollen sich hier in der Gegend aufhalten. Wir sind plötzlich hellwach. Gesehen haben wir leider keine, nicht mal ein leises Heulen aus der Ferne war zu hören.



Von Bispingen bis Soltau waren es nur 20 Wanderkilometer, wir planten deshalb einen Abstecher mit dem Zug nach Lüneburg und dort ins Salzmuseum. Daraus wurde leider nichts. Es gab keine passende Zugverbindung. Wir schlenderten stattdessen etwas unmotiviert durch das wirtschaftliche Zentrum des Heidekreises. Die Hauptstraße war eine lange Reihe von Spielhallen, Trinkhallen, Orthopädiegeschäften und Ärzten. Ein heftiges Gewitter lassen wir über uns ergehen und suchen anschließend das im Stadtprospekt angepriesene Brauhaus Joh. Albrecht im prächtigen Gebäude der ehemaligen kaiserlichen Reitschule. Das herrschaftliche Anwesen liegt etwas außerhalb, aber der Weg lohnt sich. Wir testen eine der sommerlichen Bierspezialitäten - ein fruchtiger Mix aus Weizen und Pils. Bleiben aber schließlich bei Bewährtem: ein Hefeweizen und ein großes Pils! In dem wunderschönen Biergarten sind wir fast die einzigen Gäste. Wir bleiben unter den alten Kastanienbäumen sitzen, bis es uns zu kühl wird. Dann gehen wir rein. Auch Innen ist das Brauhaus geschmackvoll-rustikal eingerichtet. Mit Blick auf glänzende Kupferkesse trinken wir noch ein letztes Bier und knabbern dazu geröstete Weizenkörner. Eine ziemlich harte und salzige Angelegenheit – macht Durst auf kühles Bier, was wohl der Sinn der Sache ist.

Zu guter Letzt machen wir uns doch auf den Weg in unser Hotel Utspan. Die Gaststube ist noch besetzt und die Szenerie so kurios, dass wir spontan beschließen, noch einen Absacker zu nehmen – nur um zu kucken und große Ohren zu machen. Am Tresen kämpft die Besitzerin mit ihrer computerunterstützten Abrechnung, ein untersetzter Geschäftsreisender gibt kluge Ratschläge dazu. Im hinteren Bereich des Gastraums sitzt der Soltauer Altherrenstammtisch beim Skat. Der Rollator steht griffbereit daneben. Am Tisch neben uns ein älteres Ehepaar hat sich offenbar nicht mehr allzu viel zu sagen. Die beiden sitzen nebeneinander wie Spatzen auf dem Draht, jeder ein Glas Pils vor sich, die Augen geradeaus. Gespannt beobachten wir die beiden, aber sie bleiben konsequent und sprechen während der gesamten Zeit kein Wort miteinander. Wir geben als erste auf und landen in unserem Zimmer – in einem schwarzen Lederbett, so groß und ausladend, dass Hannes ganz verloren darin wirkt.

Montag, 11. August 2014

Grillplatte "Hermann Löns"

Zimmer mit Strafenregister (Bispingen)


Bevor wir Bispingen erreichten, kam es trotz Geburtstag und vorangegangener kultureller Bereicherung erstmalig auf unserer Tour zu einer kritischen Phase in der Paarbeziehung. Schuld war der Sandweg, beziehungsweise ein fehlender (!) Wegweiser, der uns rechtzeitig hätte abbiegen lassen.
Erst war alles sehr schön. Wir wanderten durch einen Reiterhof und dann immer geradeaus an den Pferdekoppeln entlang. Mehrere Kinder bekamen dort gerade Reitunterricht und winkten uns fröhlich zu. Der Weg war anfangs noch ganz ordentlich befestigt, verwandelte sich aber immer mehr in einen Sandweg. Bald hatten wir das Gefühl, im Treibsand zu waten. Die Sonne brannte, es ging immer geradeaus. Das Stapfen im Sand war schrecklich ermüdend. Hannes blieb immer öfter stehen und starrte sorgenvoll auf seinen Garmin. Ich pflügte ungerührt weiter. Plötzlich gab Hannes die fatale Information: Wir sind falsch, wir hätten schon längst links abbiegen müssen. Ich ignorierte diese Meldung. Jetzt umdrehen, nach diesen Strapazen, kam nicht in Frage. Wir begannen zu diskutieren. Hannes wollte zurück, ich konnte ganz deutlich am Ende des Sandwegs in weiter Ferne einen neuen Weg entdecken, der auch nach links abbog. Hannes bestritt dies. Wir marschierten schweigend weiter. Nochmals eine gute Viertelstunde. Der Waldrand kam näher. Aber kein Weg. Nicht einmal ein kleiner Trampelpfad. Das Ende der Welt schien erreicht. Hannes verdrehte die Augen, ich hätte am liebsten losgeheult. Wir drehten um. Nach 15 Minuten erreichten wir die Stelle, an der Hannes umdrehen wollte. Nach weiteren 20 bis 25 Minuten einen schmalen Abzweig nach links, den wir davor komplett übersehen hatten. Wir bogen ein und durchqueren ein Feld. Wenigstens kein Treibsand mehr. Am Rand dieses Feldes stießen wir wieder auf einen gut befestigten Weg und endlich auch wieder auf einen E1 Wegweiser. Auch der Garmin signalisierte: Wir sind wieder auf dem Track. Wäre mal auf der anderen Seite des Feldes auch ein Wegweiser gewesen, wir hätten uns fast eine Stunde mühsames Stapfen und eine kleine Zwischeneiszeit in unserer Paarbeziehung erspart.


In Bispingen feierten wir Hannes’ 53. Geburtstag mit einer opulenten Grillplatte „Hermann Löns“ im Restaurant „De ole Döns“(Die gute Stube) mitten im Ortszentrum von Bispingen. Der touristisch aufgeblähte Name des Gerichts ließ uns zuerst zögern, aber zu unrecht. Heidschnuckensteak, Heidschnuckenlende, Heidschnuckenwürste. Wir ausgehungerte E1 Wanderer fühlten uns wie im Schlaraffenland. Hier gab es Fleisch satt. Manchmal können einem die Vegetarier schon Leid tun. Das Fleisch dieser Heideschafe ist wunderbar zart und saftig und wir bildeten uns ein, die wilden Heidekräuter noch im gebratenen Zustand herauszuschmecken.

Hannes war glücklich. Schon zu Hause hatte er davon geschwärmt, dass er in der Lüneburger Heide unbedingt Heidschnuckenbraten essen wolle. Diese genügsamen Tiere werden schon sehr lange in den Heide- und Moorlandschaften gehalten und gehören zu den ältesten Schafrassen in Mitteleuropa. Früher waren sie wegen der kargen Kost sehr leicht, nur etwa 25 Kilo schwer. Heute ist das meist nicht mehr so, denn die Tiere werden in der Regel nicht mehr allein im Ödland gehalten. Ich habe gelesen, dass Heidschnucken, die auf einer Weide aufgewachsen sind, verhungern würden, wenn man sie plötzlich nur noch im Ödland halten würde und sie nur noch wilde Heide-und Moorpflanzen finden würden. So ähnlich ginge es uns wohl auch, wenn wir von einem Tag auf den andern wieder zu Jägern und Sammlern würden.

Strafenkatalog für jugendliche Übeltäter

Das war aber nicht das Beste an Bispingen. Das Beste war eindeutig das Jugendherbergs interne Strafenregister samt Strafgebühren, das dort in allen Zimmer sorgfältig laminiert auslag: Bett angekokelt, 50 Euro, Schrank angebrannt, 50 Euro, Türen verschmiert, 40 Euro, Wasserhahn herausgerissen, 100 Euro, Bilderrahmen entwendet, 24 Euro., Steckdose kaputt/herausgerissen, 10 Euro… Immer so weiter, fast 30 Vergehen waren aufgelistet. Mein Gott, was musste dieser arme Herbergsvater alles erlebt haben.


Sonntag, 10. August 2014

Die Heide blüht

Lüneburger Heide: (Von Inzmühlen nach Bispingen)

Von nun an sind wir im Postkartenmilieu. Lauter bekannte Namen: Handeloh, Inzmühlen, Undeloh, Wilsede. Wir sind in der Lüneburger Heide, jetzt im August ist die Touristendichte hoch. Altersdurchschnitt mindestens 60+. Allerorten kann man Kutsche fahren, Kuchen essen und Heideschnäpschen trinken. Schön ist es trotzdem. Wir wandern über die höchste Erhebung der Lüneburger Heide, den Wilseder Berg mit satten 169 Höhenmetern. Von dort ist es nur noch ein Katzensprung bis in den Ort Wilsede.

Auch hier im Museumsdorf sind wir erwartungsgemäß nicht allein. Wir nehmen uns trotzdem viel Zeit und schauen die uns fremde Bauweise und Ausstattung der historischen Niedersachsenhäuser an. Zwei Abende zuvor, im lauschigen Garten unserer Pension in Buchholz-Dibbersen, hatte ich zufällig einen älteren Bildband über Bauernhaustypen in Deutschland durchgeblättert. Spannend, wie viele Antworten auf die gleichen, und doch ganz unterschiedlichen Herausforderungen es doch gibt. Im Grund ging es immer um dasselbe: Wie können Menschen, Vieh und Ernte vor Wetter und Begehrlichkeiten anderer Menschen optimal geschützt und dabei die örtlichen Gegebenheiten bestmöglich ausgenützt werden. Von Oberbayern über Schwarzwald, Franken bis nach Niedersachsen: Beinahe jede größere Region hat ihren eigenen Haustyp entwickelt.


Im Museumsdorf Wilsede


Durch die Lektüre bin ich schon gut vorbereitet und weiß in etwa, was mich in dem gewaltigen Reed gedeckten Museumsgebäude „Dat ole Huus“ erwartet. Ein riesiges Hallenhaus, erst kommt der Stallbereich und Scheunenbereich, dann weiter Innen eine Art Küchenbereich mit Essplätzen, getrennt nach Herrschaft und Gesinde. Alles ist zum Stall hin offen. Der „Herd“ ist eine offene Feuerstelle. Nur ganz im Hintergrund gibt es zwei Türen, die zu den abgetrennten Kammern der Bauern führen. Eine Stube mit Bett für die Alten, eine für die Jungbauern. Aus Gründen des Brandschutzes, vor allem aber auch aus hygienischen Gründen wurde diese Bauweise mit Beginn der Neuzeit zunehmend durch Häuser mit getrennten Wohn- und Stallbereichen abgelöst.
Von Wilsede aus führt der Weg noch eine ganze Weile durch die Heide, vorbei am wunderschönen Naturschutzgebiet Am Totengrund. Dann wieder in bewohntes Gebiet und schließlich unter der A7 hindurch nach Bispingen.

Samstag, 9. August 2014

Windmühle Dibbersen

Ein feiner Kerl (Dibbersen)

Unser zweites Etappenziel Dibbersen-Buchholz erkannten wir schon von Weitem an der mächtigen, schön renovierten Windmühle. Wie viele dieser alten Mühlen wurde auch diese mit Unterstützung eines Vereins renoviert und kann heute für Veranstaltungen aller Art genutzt werden. Bei unserem kleinen Rundgang um das Kulturdenkmal wäre Hannes fast unter die Räder gekommen. „Vorsicht, gehen Sie zur Seite!“, warnte laut ein näherkommender Radfahrer. Im letzten Moment entdeckte Hannes das direkt auf ihn zurasende Seniorenmobil und rettete sich mit einem Sprung ins Gras. Der hochbetagte Fahrer fuhr ohne Reaktion weiter. Der Radfahrer, sein ihn begleitender Schwiegersohn, wie sich herausstellte, entschuldigte sich vielmals. Der alte Herr würde jeden Abend diese Runde mit seinem Elektrowagen machen und sei es nicht gewöhnt, dass hier Menschen auf dem Radweg stünden. Er sei einfach nicht mehr flexibel genug, von seinem üblichen Weg abzuweichen. Er würde deshalb regelmäßig hier die Rosen etwas zurückschneiden und begleite „den Oppa deshalb immer mit dem Rad“, um aufzupassen. Bloß, den Hügel hinauf sei der Oppa immer so schnell…

Übernachtet haben wir in Dibbersen in einer Privatpension. Wir nannten sie das Vogelhaus, denn die Gästezimmer hatten alle Vogelnamen und waren mit passenden Schildchen an den Zimmertüren gekennzeichnet. Es dauerte sehr lange, bis auf unser Klingeln geöffnet wurde. Nachdem wir die Zimmer bezogen hatten, baten wir um eine Flasche Wein, die wir gemütlich im Garten trinken wollten. Wieder dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis unsere Wirtin mit der Flasche erschien. Hannes nörgelte: „Dieses Haus muss ja einen riesigen Keller haben.“

Frühstück gab es in der Diele. Wir saßen artig mit mehreren älteren Pensionsgästen an kleinen, ordentlich gedeckten Tischchen. Es gab frische Brötchen, Wurst, Käse, Marmelade, Ei – was das Herz begehrte. Was Hannes weniger gefiel, war der große Jagdhund, der offensichtlich zum Sohn unserer Wirtin gehörte und immer mal wieder aus der Küche heraus kaum und durch die Diele spazierte. Damals hatte Hannes noch großen Respekt vor Hunden und konnte sich deshalb nicht so recht auf seinen Teller konzentrieren. Plötzlich war der Bann gebrochen: Der große Hund kam aus der Küche, im Maul ein kariertes Geschirrtuch, das ihm rechts und links aus den Lefzen hing. Die gesamte Frühstücksrunde brach in schallendes Gelächter aus und Herrchen kam aus der Küche: „Ja, unser Hund ist wirklich ein feiner Kerl.“ Hoffen wir, dass er nicht beim Geschirrabtrocknen geholfen hat.

Später fädelten wir uns eine gefühlte Ewigkeit durch die Buchholzer Wohn- und Industriegebiete. Einzig interessante Zufallsentdeckung: das Hotel Hoheluft in Buchholz-Meilsen. In diesem heute unauffälligen Gasthaus, so lesen wir auf einer Messingtafel am Eingang, fanden im April 1945 die Kapitulationsverhandlungen zwischen Briten und Vertretern Nazi-Deutschlands statt, die Hamburg vor der vermutlich vollständigen Zerstörung bewahrten. Dann kommen wir zum Glück doch irgendwann aus dieser Stadt raus und in den Wald und dann wieder in die Heide.

Freitag, 8. August 2014

Hase und Igel und die Frage nach dem richtigen Equipment (Von Ovelgönne nach Dibbersen)

Am nächsten Morgen regnete es wie aus Kübeln. Ich wollte unbedingt nach Buxtehude, wenn wir schon mal in der Nähe waren. Allerdings lag dies nicht in unserer Richtung, sondern von Ovelgönne aus etwa 6-7 Kilometer im Westen. Solch ein Umweg zu Fuß kam natürlich nicht in Frage, aber es gibt ja Öffis. Hannes war einverstanden, weil unsere Etappe an diesem Tag nicht zu lang war. Wir hatten uns von Hamburg aus nicht an die in unserer E1 Bibel (Arthur Krause) vorgesehene Etappeneinteilung gehalten, sondern waren an der Jugendherberge Am Stintfang eingestiegen. Das Stück von dort bis zum vorgesehenen Tagesziel Blankenese war nur 11 Kilometer lang, wir hatten also noch einen Teil der nächsten Etappe dranhängen können und am folgenden Tag daher deutlich weniger als die angegebenen 36 Kilometer zu laufen.

Die von Krause vorgeschlagenen Etappen sind manchmal gehörig lang. 36 Kilometer am Stück war für uns beide so ziemlich das Limit. Solche Strecken haben wir zwar manchmal auch geschafft, aber wirklich Spaß gemacht hat das nicht. Natürlich muss sich die Streckenplanung an den örtlichen Gegebenheiten, vor allem an der Infrastruktur in Form von Gasthäusern, Jugendherbergen oder Pensionen orientieren. Im Großen und Ganzen halten wir uns auch daran. Selten haben wir allerdings zwischendurch ein Stück mit Bus oder Taxi „abgekürzt“. Was wir nie gemacht, von anderen Wanderern aber häufig gelesen haben: Einen Standort gewählt und von dort aus zwei oder drei Etappen gelaufen und mit dem Taxi immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Das hätte uns irgendwie das Gefühl genommen, unterwegs zu sein. Am angenehmsten sind für uns Tagesetappen von etwa 25 Kilometern. Das ist entspannt zu schaffen und man kommt dennoch voran. Und bei Bedarf hat man genügend Zeit und Muße, unterwegs etwas anzuschauen.

Der sonderbare Ortsname Buxtehude hatte mich schon als Kind fasziniert. Wie konnte eine Stadt bloß solch einen Namen haben? Was es dort wohl sonst noch für Merkwürdigkeiten gab? Keine Ahnung, woher ich von dieser Stadt gehört hatte. Vermutlich aus dem Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel, der sich in der Buxtehuder Heide abgespielt haben soll. Die Geschichte fand ich auch klasse. Das unsportliche aber clevere Igelpaar, das den athletischen und eingebildeten Hasen zum Narren hält. Da sieht man’s doch: Geist geht vor Power! Bin schon da.
Wir nahmen den Bus. In Buxtehude angekommen, stellten wir fest, dass es immer noch regnete und die Stadt insgesamt nicht so ungewöhnlich oder gar märchenhaft ist. Dafür hat sie einen originellen Werbeslogan: Buxtehude – schlau, wer schon da ist. Hase und Igel haben wir auch getroffen. Sie stehen in der Fußgängerzone, der Hase in fliegendem Lauf, die beiden Igel satt grinsend in Metall gebannt.
Das Stück von Buxtehude zurück zum Track bei Neugraben-Fischbek machten wir mit dem Zug. Von dort aus ging es dann in die Fischbeker Heide und zwar zunächst auf dem vor einigen Jahren eingerichteten Heidschnuckenweg. Der Weg führt von Hamburg-Fischbek wenn möglich durch naturbelassene Wald- und Heidelandschaften über 223 Kilometer bis nach Celle. Er wurde als Premium-Wanderweg zertifiziert und 2014 zum schönsten Wanderweg Deutschlands gekürt. Der E1 verläuft über große Strecken parallel zum Heidschnuckenweg, spart allerdings etliche Schleifen zu besonderen Sehenswürdigkeiten aus.
Man kann über diese neuen Top-Trails of Germany denken wie man will. (Unter anderem gehören dazu Rothaar-Steig, Westweg, Alb-Steig, Hermansshöhen, Rheinsteig u.a.) Geworben wird mit dem Versprechen, Deutschlands schönste Gegenden professionell zu erschließen und dabei Verlaufen dank hervorragender Ausschildung „unmöglich“ zu machen. Klar geht es auch hier ums Geschäft. Aber auch um sanften Tourismus, um Verständnis für Natur und Umwelt und die Liebe zu einer Landschaft, die uns umgibt und für deren Entdeckung wir nicht erst 5 Flugstunden hinter uns bringen müssen. Ich kann nichts Verwerflichen an dem Versuch finden, durch Wandergäste etwas wirtschaftlichen Aufschwung in strukturschwache Regionen zu bringen. Die Infotafeln am Wegesrand haben mich viele Besonderheiten entdecken lassen, an denen ich sonst vielleicht vorbeimarschiert wäre. Wer nicht belehrt werden will, muss sie ja nicht lesen.
Beginn des Heidschnuckenwegs

Der Heidschnuckenweg ist der nördlichste Top-Trail of Germany. Für mich war es die erste Begegnung mit der norddeutschen Heidelandschaft. Ich fand’s wunderschön. Das Hineintauchen war abrupt und überwältigend. Eigentlich ging es bloß aus dem Wohngebiet über die Straße, über einen Parkplatz und mitten hinein in die Fischbeker Heide. Wir hatten den perfekten Zeitpunkt erwischt. Die Heide war überall am Blühen. Es sah genauso aus, wie auf dem großen Bild mit dem dicken Goldrahmen, das bei meinen Großeltern früher über dem Klavier hing: Ein Sandweg, rechts und links Birken, und der Boden mit rosa blühendem Heidekraut bedeckt, soweit das Auge reicht. Das Bild hatte für mich immer einen unechten und kitschigen Touch gehabt. In der Familie nannten wir es „den Wiederfinder“, weil jemand mal behauptet hatte, er könne sich in dem Motiv gut wiederfinden. In der Natur war nichts kitschig. Wir waren noch kaum vom S-Bahnhof Neugraben-Fischbek entfernt, und doch schon in einer andern Welt. Wir wanderten, nein, wir schritten in sanftem Auf- und Ab über die Wald- und Heidewege.

Hannes blieb immer öfter zurück. Ich dachte mir erst nichts dabei. Wahrscheinlich hat er mitten in der Heide mal wieder kein Netz… Als klar war, dass wir gemeinsam auf Tour gehen würden, hatte mein Schatz sich erst mal wandertechnisch auf den neuesten Stand gebracht und einen Garmin E-Trex gekauft. Dieses Gerät hat uns bei unseren Wanderungen auf dem E1 und auf vielen anderen Wegen gute Dienste geleistet. Es erspart es uns, einen Packen an Kartenmaterial mitzuschleppen und reduziert die Möglichkeit, sich zu verlaufen, auf ein Minimum. Ganz zu schweigen von dem Spaß, den wir regelmäßig haben, wenn wir abends unsere Tourdaten auswerten können. Da weiß man wenigstens, wofür man den ganzen Tag gelaufen ist, wenn man seine Bilanz an Streckenkilometern und Höhenmetern genüsslich beim Feierabendbier studieren kann. Aber damit diese Bilanz dann auch stimmt, braucht der Garmin natürlich unterwegs verlässlich Kontakt mit seinem Satelliten. Fällt die aus, endet die Aufzeichnung und wir laufen quasi umsonst. Streckenwanderers Supergau! Es gehört zu Hannes‘ Aufgaben, das störungsfreie Funktionieren unseres Garmin regelmäßig zu überprüfen. Dazu hat er die kleine Box auf Brusthöhe mit einem Klettverschluss am Rucksackträger festgeschnallt. Ein Griff, und er hat sie in der Hand. Der zischende Ritsch gehört für mich mittlerweile zu den vertrautesten Geräuschen unterwegs.

Aber wie gesagt, das Netz hat mitunter Löcher und immer wieder höre ich meinen Liebsten fluchen, der „Drecksgarmin“ finde mal wieder keinen Satelliten. Zum Glück habe ich für diese Fälle grundsätzlich meinen kleinen Tageskilomterzähler mit simplem Schrittzähler dabei. Falls also unser High-tech-Gerät ausfällt, haben wir immer noch unser Minigerät aus der Wandersteinzeit zur Kontrolle. Mit zwei Geräten haben wir auf öden Streckenabschnitten auch die kleine Ablenkung, dass wir unsere Kilometerstände vergleichen und über die Zuverlässigkeit und korrekte Einstellung der Instrumente diskutieren können. Auf den bolzengeraden Teerwegen entlang der niedersächsischen Maisfelder waren wir geradezu dankbar für diese Möglichkeit.



In der Fischbeker Heide war aber nicht der Garmin an Hannes‘ Zurückbleiben Schuld. Zumindest nicht nur. Mein Liebster hatte Fußprobleme. Wir hatten gelesen, dass für Weitwanderungen richtig feste Wanderstiefel, am besten Bergstiefel am besten geeignet seien. Also hatte sich Hannes für unsere Tour durch Niedersachsen ein paar neue Lowa Bergstiefel gegönnt. Länge und Passform waren ideal. Dummerweise hatte er aber nicht daran gedacht, die vom Werk vorgegebene Weiteneinstellung am Vorderfuß seiner Fußform anzupassen. Und so litt mein armer Schatz immer größere Schmerzen, je mehr seine Füße im Lauf des Tages von der Hitze aufquollen. Des Rätsels Lösung, die Schnürung komplett zu öffnen und deutlich lockerer einzufädeln, ist ihm leider erst nach unserer Tour wieder zu Hause eingefallen.

Wie beschwingt es sich ohne eingeklemmte Fußnerven wandert, erlebten wir an einem Schweizer E1-Wanderer. Dieser Eidgenosse war barfuß in Wandersandalen unterwegs und trug bei regnerischer Witterung einen fast knöchellangen roten „Überwurf“. Wir nannten ihn deshalb „der Wanderprediger“. Er war für ein paar Tage unserer Mitwanderer und übernachtete wie wir in der Jugendherberge Bispingen. Er hatte sich eine Auszeit von zwei Monaten genommen und wollte in dieser Zeit so weit wie möglich Richtung Süden kommen. Wenn möglich, bis in die Schweiz. Wir hätten gern erfahren, ob er es geschafft hat. Der Mann war etwa in unserem Alter und allein unterwegs. Sein Wandertempo war extrem langsam, wir hatten ihn morgens immer recht bald eingeholt, obwohl er vor uns losmarschiert ist. Allerdings hat er dieses Tempo den ganzen Tag konstant beibehalten und kaum Pausen gemacht, so dass er gegen Ende des Tages dann wieder an uns vorbeigezogen ist. Auf meine Frage, ob es denn auf Dauer für die Gelenke nicht anstrengend sei, nur in Sandalen zu wandern, meinte er: „Mir ist das wöhler so.“ Er sei auch in den Bergen so unterwegs.

Von den Bergstiefeln sind wir später auch abgekommen. Wenn wir wissen, dass wir vorwiegend auf guten Wegen unterwegs sind und keine steilen Abstiege zu bewältigen haben, nehmen wir fast nur noch unsere Leichtwanderschuhe bzw. Leichtwanderstiefel. Man hat zwar etwas weniger Halt, dafür tut man sich auf langen ebenen Strecken deutlich leichter.